Es hängen wohl nicht viele Menschen an einer Eisdiele. Nun, ich auch nicht. Jedenfalls dachte ich das bis letzte Woche.
Die Eisdiele hier im Ort hat sowas wie eine “Eisdielenschwester” im Nachbardorf, wo ich aufgewachsen bin. Die Inhaber sind, soweit ich weiß, zwei Brüder, immer zu jedem freundlich, Italiener, die mit ihren Familien aber schon “ewig” hier leben. Die machen wirklich ganz hervorragendes Eis, und dementsprechend war auch immer der Umsatz. An Sommertagen bekam man dort kein Bein auf die Erde, die Menschen stapelten sich förmlich im Cafe, draußen auf den Stühlen, auf Bänken, auf dem Boden, und bei der hier im Ort auf der Kirchenmauer. Nicht selten kamen Leute aus der nahegelegenen Großstadt, nur wegen dieser Eisdielen.
Und wenn ich so zurück denke ….. Als ich vor über 20 jahren in der evangelischen Kirchengemeinde aktiv war, gingen wir nach den Jugendkreisen und Chorproben fast immer dorthin. Wie oft waren wir mit der Schulklasse da, und nach unserem Klassen-Abschiedsessen in einem chinesischen Restaurant sind ein paar von uns, leicht angeheitert, noch dahin gegangen. Weil nicht genügend Plätze frei waren, wollte ich mich bei irgendwem auf den Schoß setzen, nur leider gehörte ich zu den, sagen wir mal, etwas stärker leicht Angeheiterten, und hatte einen sehr rutschigen, kurzen Rock an, sodaß ich mich nicht mehr halten konnte, runterrutschte und der Rock sich bis zur Taille hochschob….. . In der neunten Klasse sollten wir die Abschlußfeier der 10. organisieren, und aus irgendeinem unerfindlichen Grunde hielt mich unsere damalige Klassenlehrerin für verantwortungsvoll genug, die Oberaufsicht über den Sekt zu führen, ….. eine fatale Fehleinschätzung. Das Meiste hab ich selbst getrunken, und bin dann auf dem Nachhauseweg, als ich mir noch ein Eis kaufen wollte, mit dem Fahrrad frontal gegen die Wand der Eisdiele geknallt. - Äh, ja, ich merk schon, ich höre besser auf, jedenfalls könnte ich noch unendlich Viele solcher Anekdoten erzählen ( nun, nicht SOLCHE, aber halt Anekdoten…..) . Aber es gibt auch Anderes. Seitdem ich seit 2003 wieder rausgehen kann, bin ich jedes Frühjahr erst beruhigt gewesen, wenn ich da einmal gewesen war. Wie ein kleiner Sieg. Dieser Krankheit wieder ein bißchen Raum abgeluchst.
Letztes Jahr nach Weihnachten hieß es plötzlich, es würde eine zweite Eisdiele aufmachen. Niemand hat das anfangs so recht geglaubt, wir leben hier in einem Dorf, wozu brauchen wir zwei Eisdielen, auch noch im Abstand von weniger als 300 Metern. Als sich dann abzeichnete, daß da doch was dran war, hat mein Vater einmal den Besitzer der “alten” Eisdiele darauf angesprochen, und er meinte, er würde sich keine Sorgen machen, in den zwei Jahrzehnten hätte er soviel Stammkundschaft bekommen, er sähe dem gelassen entgegen.
Den Zulauf, den die “Neue” dann erstmal hatte, schoben wir auf die zentralere Lage, die Neugierde der Leute und darauf, daß die natürlich erstmal mit billigeren Preisen anfingen. Das Lokal an sich hat meiner Meinung nach wenig Einladendes, ich würd mich da jedenfalls nicht hinsetzen, aber daß es für eine Familie mit drei Kindern einen Unterschied macht, ob die Kugel Eis 60 oder 80 Cent kostet, war mir auch klar. (Ich gebe offen zu, daß ich da noch nichts probiert und das auch nicht vor habe, aber jeder , den wir gefragt haben, meinte, das Eis da wäre nichts Besonderes. )
Letzte Woche nun waren wir zum ersten mal in diesem Jahr bei unserer “Alten”, und “bedrückend” beschreibt die Situation nicht annährend. Während man bei der Neuen die Menschen schon von Weitem sehen konnte, waren hier nicht mal eine Handvoll. Der Inhaber sah so müde und erschöpft aus, und ich weiß wie Menschen aussehen, die vor Sorgen nicht in den Schlaf kommen. Allerdings fiel uns auf, daß er den Preis für eine Kugel von 80 auf 50 Cent gesenkt hatte, und damit, so dachten wir, würde sich das wieder einspielen. Offensichtlich hatte der Preis doch eine größere Rolle gespielt, und nun würden die Leute wohl die paar Meter mehr in Kauf nehmen, denn an der Qualität hatte sich offensichtlich nichts geändert.
Donnerstag war ein wunderschöner, warmer Frühlingstag. An so einem Tag wäre es früher an der Eisdiele brechendvoll gewesen ….. Schon auf dem Hinweg mußten wir einen Umweg gehen, weil die Schlange bei der “Neuen” den Weg versperrte, und auf dem Platz waren gut und gerne an die 80 Mann, ….. bei “unserer” gerade mal fünf.
Ich bin den Gedanken daran den ganzen Abend nicht los geworden, vor allem machte es so garkeinen Sinn, und so erwähnte ich es später auch meiner Mutter gegenüber. Ich bin wirklich nicht doof, aber auf das, was da kam, wäre ich nie gekommen….
“Denk doch mal nach. Das sind Ausländer!”
” Ja aber, ….. was hat das damit zutun?! Die leben hier schon seit was weiß ich wann, jeder kennt die, jeder hat da Eis gegessen, und die Leute hier in (:::::) sind doch nicht ausländerfeindlich” ?????
Solange mir kein anderer Grund einfällt ….. und doch will ich das nicht denken! Aber wäre es mir denn wirklich “lieber”, wenn es nicht das wäre, sondern schlicht und einfach Desinteresse, so nach dem Motto, “Och, dat is näher, und öfter mal wat Neues, wa,he, he,he!” ? Beunruhigenderweise wird es wohl eine Mischung von Beidem sein. Und das Schlimmste ist, daß es zu Wenige schlimm finden!